Kloster Scharnitz

von Willy Hochholdinger - Partenkirchen

Von 763 bis 772 stand am Kranzbach bei Klais
das Kloster Scharnitz als Stützpunkt in einem dichten Wald. Einkehr für Priester, Pilger und Kuriere. Betrachtungen über Historie der Anlage und über Ausgrabungen von 1972.

Teil 1

   

Klais "Deutschlands höchstgelegener Intercity-Bahnhof, Höhe 933m" verkündet eine Inschrift am Bahnhof Klais. Dieser Ort hat verkehrspolitische Bedeutung! Er hatte sie auf alle Fälle schon vor 1900 Jahren. Hier überschritt schon in römischer und später in mittelalterlicher Zeit die von Augsburg über Partenkirchen kommende Straße zum Brenner den Kranzbach und trat durch einen Hohlweg in den riesigen Scharnitzwald ein. Dieser war zu durchqueren, wollte man über das obere Isartal aufs Seefelder Plateau zum Brenner und nach Italien. Bevor man damals dies nicht unbedenkliche Unternehmen begann, war eine Ruhepause oder ein Gebet am Platze. Wen wundert es, daß hier in Klais am Kranzbachübergang der Brennerstraße schon zu Beginn des frühen Mittelalters ein kleines Kloster entstand? Das geschah "cum consensu inlustrissimi ducis Tassilonis", wie die Gründungsurkunde vom 29. Juni 763 vermerkt.
Was konnte der christliche Bayernherzog Tassilo III. - der letzte Agilofinger - auch gegen die Gründung eines solchen Refugiums einwenden? Heute erinnert an dieses längst verschwundene Kloster die Inschrift einer Bronzeplatte auf einem neben dem Kranzbach stehenden ansehnlichen Block aus Wettersteinkalk. Den nötigen Grundbesitz zum Unterhalt stifteten laut jener Urkunde die Edelleute Reginbert und Irminfried, deren Mutter Acklinda sowie die Vettern Oatilo und Cros. Zugehörig zur hochadeligen Sippe der Huosi, welche weitverbreitet im bayerischen Grenzgebiet östlich vom Lech saß. Was gestiftet wurde, lag als Grundbesitz von Innsbruck und Imst bis nach Pasing und Mühldorf. Vor allem aber das Gebiet um den heutigen Ort Scharnitz, Mittenwald und der Walchengau (Wallgau). Auch Schöngeising und Gräfelfing gehörte dazu. Die sich aus der Vielzahl der Stifter ergebende Streuung der Schenkungen war freilich für eine zentrale Bewirtschaftung vom Kloster aus wenig geeignet.

Die gleiche Adelsippe der Huosi hatte schon vorher, um 750, für die Ausstattung der damals im Alpenvorland entstandenen sogenannten Huosiklöster gesorgt, deren Mittelpunkt Benediktbeuern war. Auch das Kloster im Staffelsee gehörte zu dieser Gruppe. In derScharnitz suchten die Huosi um 763 dagegen mehr ein Kloster zum Vorteil ihrer eigenen Sippe zu gründen und hofften auf Abtposten, Altersruhesitze und würdige Grabstätten. Aber der eigentliche Initiator der Gründung war das Bistum Freising. Dieses war damals durch die Floßfahrt schon mit dem oberen Isartal verbunden, wobei der Scharnitzwald die benötigten Stämme für diverse Bauten lieferte. Außer dem Flußweg gab es auch noch die gut erhaltenen Römerstrassen zwischen Freising und dem Gebirge, speziell in den Scharnitzwald. Das wurde besonders wichtig, als der Papst in Rom sich seit der Mitte des 8. Jahrhunders durch enge Zusammenarbeit mit der einzigen damaligen europäischen Großmacht, den Franken, die umstrittene Herrschaft über die abendländische Kirche endgültig gesichert hatte. Priester, Pilger und Kuriere mußten nun laufend zwischen Rom und Freising unterwegs gewesen sein. Für diese neue Aufgabe schien durch die Gründung des Klosters Scharnitz ein brauchbarer Stützpunkt geschaffen zu sein. Dabei tat sich Freising nicht schwer. Denn die Ausgrabungen, welche der Archäologe Walter Sage zwischen 1968 und 1972 unternahm, ließen erkennen, daß die Kirche dort schon vor 763 bestand. Es wurden um diese Zeit lediglich mehrere schlichte Holzbauten neben ihr errichtet. Diese dienten als Wohnungen und Vorratsspeicher für die Mönche. Davon war nur ein Gewirr von Pfostenlöchern zurückgeblieben, deren Zusammenhang schwer zu beurteilen war. Der neue Konvent am Kranzbach lebte zweifellos in einer gewissen Ordnung, vermutlich nach der Mönchsregel des Hl. Benediktus "Ora et Labora".

Modell der Klaiser Kirche bei einem Kirchenumzug im Mittenwald
Modell der Klaiser Kirche
bei einem Kirchenumzug in Mittenwald

Die Kirche war ansehnlich, ein einschiffiger Rechteckbau im lichten Maß von etwa 10 mal 6,75 Meter. Ein etwas schmälerer Chor auf der östlichen Schmalseite im lichten Maß von 3 mal 3 Meter war angefügt. Der Durchgang zum Chor hatte etwa 2,5 Meter Höhe, und der Eingang der Kirche lag auf der westlichen Schmalseite zum Kranzbach hin. Baumaterial waren Bruchsteine, wahrscheinlich gleich neben dem Kloster gewonnen, wie heute noch an verschiedenen Stellen erkennbar. Der Kirchenboden hatte einen dünnen Sand-Estrich, welcher auf einer Bruchsteinpackung aufgebracht war. Der Boden des Chores war etwas erhöht, und das Dach war mit Schindeln bedeckt. Um das Um das Bauwerk herum wurden Bruchstücke von Keramik aus älterer und neuerer Zeit geborgen; jedoch fast nichts vom tomatenroten "guten Geschirr" der Römer, der Terra Sigillata. Weiter fand man noch zwei Münzen der späten römischen Kaiserzeit.. Auch nach der Auflassung durch die Mönche blieb das Kloster Scharnitz ein kirchlicher Mittelpunkt. Vom Abt in Klais zum Freisinger Bischof Erst als der Bau um 1100 abbrannte, übernahm Mittenwald die Rolle dieser Kirche.

   

 

Willi Hochholdinger    
   
     
     
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