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An
diesem wenig wohnlichen, aber verkehrspolitisch wichtigen Platz
hatte das Freisinger Domkapital zur Leitung des neuen Klosters
einen seiner besten Leute entsandt: Arbeo. Aber jene Bronzetafel
am Erinnerungsstein weiß nichts von diesem ersten Abt des Klosters
zu berichten. Vermutlich kam er aus dem Welschland, in der Lombardei
zu juristischen Kenntnissen gekommen und war literarisch begabt.
In Freising war er, angesichts der damals häufigen Schenkungen
an die Kirche als Verfasser und Schreiber (Notar) von Urkunden
geschätzt. So war es auch Arbeo, der die Gründungsurkundedes
Klosters von 763 selbst geschrieben hat. Nach dem Freisinger
Bischof Joseph hat er dann als Zweiter, als Zeuge unterschrieben.
Das macht die dominierende Rolle, die Freising beim Aufkommen
des Kloster Scharnitz spielt, ganz deutlich. Daß dieser tüchtige
Südtiroler noch im Jahre 764 wieder nach Freising zurückberufen
wurde, erstaunt nicht; er wurde dort sogleich zum neuen Bischof
geweiht. Nach Arbeo regierte im Scharnitzkloster der ebenfalls
vom Freisinger Dom kommende Abt Atto. Er wurde später auch dessen
Nachfolger auf dem Bischofsstuhl. Aber schon 772 folgte der
Klaiser Konvent erstaunlicherweise dem Beispiel Arbeos, gab
seinen Sitz am Kranzbach auf und zog teils nach Schlehdorf,
teils nach Innichen. Zurück blieb im Boden des Scharnitzklosters
ein unbenutztes Plattengrab, das später wieder aufgefüllt wurde.
Man weiß nicht, ob es für einen Heiligenleib bestimmt war, oder
für einen der Huosi-Stifter.
Das am Kranzbach von den Mönchen aufgelassene
Gotteshaus blieb auch nach 772 kirchlicher Mittelpunkt des fast
menschenleeren Scharnitzwaldes. Von mindest einem Geistlichen
muß es weiterhin versehen worden sein. War er der Klausner von
Klais? Das 1324 mit "Chlos" bezeichnet wird? Gräber der wenigen
Anwohner und Durchreisenden, Skelette von Männern, Frauen und
Kindern, fanden sich um die Kirche herum. Manche trugen Spuren
schwerer Krankheit. Als der Bau um 1100 abbrannte, datierbare
Scherben im Brandschutt erlauben diese Bestimmung, hatte das
inzwischen aufgekommende Mittenwald mit seiner Peter- und Paulskirche
die Rolle des Kloster Scharnitz bereits übernommen. Der junge,
1080 erstmals genannte Ort, damals noch mitten im Scharnitzwald
(Media Silva) gelegen, hatte den Durchzug der Brennerstraße
mit Klais gemeinsam. Lag aber anders als Klais, direkt an der
für Handel und Verkehr brauchbaren Isar an und die Weite des
Tales erlaubte die Entwicklung einer größeren Siedlung. Sie
wäre aber durch Bestehen eines Klosters in Klais nicht gestört
worden. Warum aber wurde dieses Scharnitzkloster dennoch so
schnell aufgegeben? Es muß zwingende Gründe gegeben haben, wahrscheinlich
mehrere.
Als 763 das Kloster am Kranzbach gegründet
wurde, hatte die dem Augsburger Beispiel nacheifernde Südexpansion
des Isarbistums Freising zunächst Bildung und Ausdehnung der
eigenen Diözese im Alpenvorland bezweckt. Aber im Anschluß daran
war die Erreichung der Brennerstraße - des einzigen für Freising
brauchbaren Weges nach Tirol und Italien - begehrtes Fernziel.
Ein Blick auf die Landkarte zeigt, daß weder weiter im Norden
noch weiter im Süden, sondern ausschließlich im Raum Klais für
Freising noch eine Möglichkeit bestand, an die bereits vom Bistum
Augsburg kirchlich bis zum Alpenrand kontrollierte Brennerstraße
heranzukommen. Freising mußte die Möglichkeit nutzen, hier am
Eingang zum Scharnitzwald einen eigenen Stützpunkt zu errichten.
Zeitentsprechend in Form eines Klosters, unter Freisinger Diktion.
Man mußte dies wenigstens versuchen! Deshalb dürften die im
kirchlichen Bauen nicht ganz unbewanderten Domherren des Isarbistums
von Anfang an darüber hinweggesehen haben, daß die Kirche beziehungsweise
das Kloster am Kranzbach in einem überschwemmungsgefährdeten
Terrain lag und der Raum herum als Baugrund für ein größeres
Kloster gar nicht ausreichte. Als vorübergehende Obdach für
ihre nach Rom reisenden Priester und Kuriere würde aber das
reichen, was am Kranzbach zu erstellen möglich war. Derartige
von vorn herein nur begrenzte Absichten den Stiftern des Klosters
samt Güter zu offenbaren, hätte diese wohl "kopfscheu" gemacht.
So dürften mangels entsprechender Information den Huosi-Adeligen
die Mängel der Klaiser Lage zumindest anfänglich nicht bewußt
gewesen sein.
Ihre Hoffnungen auf Mitsprache in "ihrem"
Kloster, auf den Abtposten, auf geruhsame Alterssitze und würdige
Grabstätten erfüllten sich nicht. Obwohl Bischof Arbeo Zusicherungen
gegeben hatte, und obwohl die Gründungsurkunde von 763 Klauseln
unter gewissen Umständen sogar Rückgabe des gestifteten Guts
an die Huosi vorsah. Diesen dürfte auch entgangen sein, daß
die bayerischen Bischöfe schon vor 763 einen harten Kurs begonnen
hatten, selbständige Klöster außerhalb ihres Willens nicht mehr
dulden wollten. Noch nach der Auflösung des Klosters Scharnitz
kam es mit den Nachfahren der Kloster-Stifter zu gerichtlichen
Auseinandersetzungen. Gerne hätte man einst gestiftetes Gut
wieder zurückerhalten, aber Freising siegte! Unbekannt in Freisings
Rechnung dürfte aber die alsbald eintretende tiefgehende Verschlechterung
des Verhältnisses zum Landesherrn Tassilo III. gewesen sein,
der noch in der Urkunde von 763 der Gründung des Scharnitzkloster
zugestimmt hatte. Aber gerade in diesem Jahr trumpfte der auf
Selbständigkeit erpichte Fürst mächtig auf, verließ mit seinem
Aufgebot das Heer seiner fränkischen Landesherren. Mit seinem
eigenen, aber von solch bayerischer Selbständigkeit wenig haltenden
Bistum Freising - mehr fränkisch als agilolfingisch gesinnt
- begann er einen jahrelangen kalten Krieg, nahm ihm zahlreiche
Kirchen weg sowie Güter und Zehent. Aber er konnte die Widerstrebenden
nicht zur Räson bringen, Bischof Arbeo wurde Intimfeind des
Herzogs. Die Emmeram-Legende des Arbeo, geschrieben um 765,
enthält einen verdeckten Angriff auf die Agilolfinger - einen
Gegenangriff! Endgültig ein Dorn im Auge mußte Kloster Scharnitz
aber dem Herzog werden, als er sich zur Abwehr fränkischer Übermacht
um 765 durch Heirat von Luitbirc mit den Langobarden in Oberitalien
zusammenschloß.
Die Brennerstraße wurde nun Verbindungslinie
zwischen den Schwägern und Bundesgenossen. Freisinger Präsenz
in Klais, fränkisch gesinnte Parteigänger und Beobachter dort,
mußten dem Fürsten nun unerträglich werden. Durch einen ehrenvoll
erscheinenden Auftrag entfernte er für lange Zeit einen Teil
des Konvents mit Abt Atto aus Klais. Der Herzog hatte im kalten
Krieg mit Freising immer versucht, sein christliches Gesicht
zu wahren.
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