Kloster Scharnitz

von Willy Hochholdinger - Partenkirchen

Von 763 bis 772 stand am Kranzbach bei Klais
das Kloster Scharnitz als Stützpunkt in einem dichten Wald. Einkehr für Priester, Pilger und Kuriere. Betrachtungen über Historie der Anlage und über Ausgrabungen von 1972.

Teil 2

   

 

   

An diesem wenig wohnlichen, aber verkehrspolitisch wichtigen Platz hatte das Freisinger Domkapital zur Leitung des neuen Klosters einen seiner besten Leute entsandt: Arbeo. Aber jene Bronzetafel am Erinnerungsstein weiß nichts von diesem ersten Abt des Klosters zu berichten. Vermutlich kam er aus dem Welschland, in der Lombardei zu juristischen Kenntnissen gekommen und war literarisch begabt. In Freising war er, angesichts der damals häufigen Schenkungen an die Kirche als Verfasser und Schreiber (Notar) von Urkunden geschätzt. So war es auch Arbeo, der die Gründungsurkundedes Klosters von 763 selbst geschrieben hat. Nach dem Freisinger Bischof Joseph hat er dann als Zweiter, als Zeuge unterschrieben. Das macht die dominierende Rolle, die Freising beim Aufkommen des Kloster Scharnitz spielt, ganz deutlich. Daß dieser tüchtige Südtiroler noch im Jahre 764 wieder nach Freising zurückberufen wurde, erstaunt nicht; er wurde dort sogleich zum neuen Bischof geweiht. Nach Arbeo regierte im Scharnitzkloster der ebenfalls vom Freisinger Dom kommende Abt Atto. Er wurde später auch dessen Nachfolger auf dem Bischofsstuhl. Aber schon 772 folgte der Klaiser Konvent erstaunlicherweise dem Beispiel Arbeos, gab seinen Sitz am Kranzbach auf und zog teils nach Schlehdorf, teils nach Innichen. Zurück blieb im Boden des Scharnitzklosters ein unbenutztes Plattengrab, das später wieder aufgefüllt wurde. Man weiß nicht, ob es für einen Heiligenleib bestimmt war, oder für einen der Huosi-Stifter.
Das am Kranzbach von den Mönchen aufgelassene Gotteshaus blieb auch nach 772 kirchlicher Mittelpunkt des fast menschenleeren Scharnitzwaldes. Von mindest einem Geistlichen muß es weiterhin versehen worden sein. War er der Klausner von Klais? Das 1324 mit "Chlos" bezeichnet wird? Gräber der wenigen Anwohner und Durchreisenden, Skelette von Männern, Frauen und Kindern, fanden sich um die Kirche herum. Manche trugen Spuren schwerer Krankheit. Als der Bau um 1100 abbrannte, datierbare Scherben im Brandschutt erlauben diese Bestimmung, hatte das inzwischen aufgekommende Mittenwald mit seiner Peter- und Paulskirche die Rolle des Kloster Scharnitz bereits übernommen. Der junge, 1080 erstmals genannte Ort, damals noch mitten im Scharnitzwald (Media Silva) gelegen, hatte den Durchzug der Brennerstraße mit Klais gemeinsam. Lag aber anders als Klais, direkt an der für Handel und Verkehr brauchbaren Isar an und die Weite des Tales erlaubte die Entwicklung einer größeren Siedlung. Sie wäre aber durch Bestehen eines Klosters in Klais nicht gestört worden. Warum aber wurde dieses Scharnitzkloster dennoch so schnell aufgegeben? Es muß zwingende Gründe gegeben haben, wahrscheinlich mehrere.
Als 763 das Kloster am Kranzbach gegründet wurde, hatte die dem Augsburger Beispiel nacheifernde Südexpansion des Isarbistums Freising zunächst Bildung und Ausdehnung der eigenen Diözese im Alpenvorland bezweckt. Aber im Anschluß daran war die Erreichung der Brennerstraße - des einzigen für Freising brauchbaren Weges nach Tirol und Italien - begehrtes Fernziel.
Ein Blick auf die Landkarte zeigt, daß weder weiter im Norden noch weiter im Süden, sondern ausschließlich im Raum Klais für Freising noch eine Möglichkeit bestand, an die bereits vom Bistum Augsburg kirchlich bis zum Alpenrand kontrollierte Brennerstraße heranzukommen. Freising mußte die Möglichkeit nutzen, hier am Eingang zum Scharnitzwald einen eigenen Stützpunkt zu errichten. Zeitentsprechend in Form eines Klosters, unter Freisinger Diktion. Man mußte dies wenigstens versuchen! Deshalb dürften die im kirchlichen Bauen nicht ganz unbewanderten Domherren des Isarbistums von Anfang an darüber hinweggesehen haben, daß die Kirche beziehungsweise das Kloster am Kranzbach in einem überschwemmungsgefährdeten Terrain lag und der Raum herum als Baugrund für ein größeres Kloster gar nicht ausreichte. Als vorübergehende Obdach für ihre nach Rom reisenden Priester und Kuriere würde aber das reichen, was am Kranzbach zu erstellen möglich war. Derartige von vorn herein nur begrenzte Absichten den Stiftern des Klosters samt Güter zu offenbaren, hätte diese wohl "kopfscheu" gemacht. So dürften mangels entsprechender Information den Huosi-Adeligen die Mängel der Klaiser Lage zumindest anfänglich nicht bewußt gewesen sein.
Ihre Hoffnungen auf Mitsprache in "ihrem" Kloster, auf den Abtposten, auf geruhsame Alterssitze und würdige Grabstätten erfüllten sich nicht. Obwohl Bischof Arbeo Zusicherungen gegeben hatte, und obwohl die Gründungsurkunde von 763 Klauseln unter gewissen Umständen sogar Rückgabe des gestifteten Guts an die Huosi vorsah. Diesen dürfte auch entgangen sein, daß die bayerischen Bischöfe schon vor 763 einen harten Kurs begonnen hatten, selbständige Klöster außerhalb ihres Willens nicht mehr dulden wollten. Noch nach der Auflösung des Klosters Scharnitz kam es mit den Nachfahren der Kloster-Stifter zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Gerne hätte man einst gestiftetes Gut wieder zurückerhalten, aber Freising siegte! Unbekannt in Freisings Rechnung dürfte aber die alsbald eintretende tiefgehende Verschlechterung des Verhältnisses zum Landesherrn Tassilo III. gewesen sein, der noch in der Urkunde von 763 der Gründung des Scharnitzkloster zugestimmt hatte. Aber gerade in diesem Jahr trumpfte der auf Selbständigkeit erpichte Fürst mächtig auf, verließ mit seinem Aufgebot das Heer seiner fränkischen Landesherren. Mit seinem eigenen, aber von solch bayerischer Selbständigkeit wenig haltenden Bistum Freising - mehr fränkisch als agilolfingisch gesinnt - begann er einen jahrelangen kalten Krieg, nahm ihm zahlreiche Kirchen weg sowie Güter und Zehent. Aber er konnte die Widerstrebenden nicht zur Räson bringen, Bischof Arbeo wurde Intimfeind des Herzogs. Die Emmeram-Legende des Arbeo, geschrieben um 765, enthält einen verdeckten Angriff auf die Agilolfinger - einen Gegenangriff! Endgültig ein Dorn im Auge mußte Kloster Scharnitz aber dem Herzog werden, als er sich zur Abwehr fränkischer Übermacht um 765 durch Heirat von Luitbirc mit den Langobarden in Oberitalien zusammenschloß.
Die Brennerstraße wurde nun Verbindungslinie zwischen den Schwägern und Bundesgenossen. Freisinger Präsenz in Klais, fränkisch gesinnte Parteigänger und Beobachter dort, mußten dem Fürsten nun unerträglich werden. Durch einen ehrenvoll erscheinenden Auftrag entfernte er für lange Zeit einen Teil des Konvents mit Abt Atto aus Klais. Der Herzog hatte im kalten Krieg mit Freising immer versucht, sein christliches Gesicht zu wahren.

   

 

   
Willi Hochholdinger    
   
     
     
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