Das "Goldene Land'l

von Willy Hochholdinger - Partenkirchen

Als "Goldenes Land'l" pries einst der Volksmund das Werdenfelser Land, über das die Schöpfung all seine Schönheit ausgegossen hat. Abgesehen von der Schönheit der Berge mit seiner Flora und Fauna stellt sich die Frage, was den wirklich das "Goldene" an diesem Fleckchen Erde zwischen Karwandel und Wetterstein ist oder war?

   

In der Frühgeschichte gehörte diese Land'l den Grafen von Mindelberge, später dem Grafen von Eschenlohe und ab 1284 ganz dem Bistum Freising. Damals noch sehr dünn besiedelt, wohl kaum golden und reich. Drei größere Ansiedlungen waren damals aber schon vorhanden. Mittenwald und Partenkirchen, bis in's 5. Jahrhundert römische Stützpunkte mit zivilen Ansiedlungen. Als dritter Ort entstand um 302 n.Chr. Garmisch aus einer Hube des Germar. Erst später, zu Beginn des 15. Jahrhunderts scheint die goldene Sonne über dem "Land'' aufgegangen zu sein.
Die Voraussetzung hierfür erfolgte etwa 100 Jahre früher an der Adria, als die Republik Venedig den gesamten lavantinischen Handel in ihre Hände bekam. Man schrieb das Jahr 1342, als Venedig mit Sultan Orchan für Kleinasien und Ägypten einen Handelsvertrag abschloß. Für den Handel mit den europäischen Ländern im Norden waren die Voraussetzungen vorhanden. Es waren die Trassen der alten Römerstraßen in Nord-Süd-Richtung. Im Norden war Augsburg das alte römische "Augusta vindelicum" bereits seit den Zeiten der Kreuzzüge ein bedeutender Handelsplatz geworden. Augsburg und Venedig verband eine dieser alten Straßen und an der "Kaiserstraße, der ehemaligen VIA RAETIA, lag ein Ort als besonderer Handels- und Verkehrsknotenpunkt, der, weis Gott warum dazu auserwählt wurde Es 'war der aufblühende Ort Mittenwald im Werdenfelser Land, jenes alte SCARBIA an der ehemaligen Römerstraße.
Bereits im Jahre 1407 gab Bischof Berchtold diesem Ort das Marktrecht mit eigenem Wappen und Siegel, "weil er gar mancher- ley Handel und Werbung habe". Die Glanzzeit, jene goldene Zeit/fällt in die Zeit von 1487 bis 1679, fast 200 Jahre, als die Kaufherren der Lagunenstadt den "Bozener Markt", bzw. die damit verbundenen Märkte nach Mittenwald verlegten. Grund dafür waren die Streitigkeiten zwischen den Venezianern und dem DUX AUSTRIAE SIGISMUNUS, genannt Sigismund der Münzreiche. Anlaß war die Forderung Sigismunds, alle fremdländischen Münzen in "seine" Silbertaler umzutauschen, da nur diese Münzen in Bozen und im gesamten Tirol Gültigkeit hätten.
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m werdenfelsischen Mittenwald dagegen galten alle Münzen Europas und man verlegte sogar die Abrechnungsbörse hierher, welche den Wechselkurs aller damaligen Münzen festlegte. Ab diesem Zeitpunkt kam Reichtum in's Land'l. Nun wurde dafür die "Rott" verstärkt und ausgebaut, eine Vereinigung von Fuhrleuten, welcher das alleinige Recht zustand, die aufgespeicherten Güter gegen "Niederlaggeld" und Fuhrlohn nach der jeweils nächsten Rottstation zu verfrachten. Der schon vorhin erwähnte Bischof Berchtold von Wachingen erließ bereits die erste Rottordnung. Als der Handel in Mittenwald florierte, wurde die Rottordnung überarbeitet, Satzungen ergänzt, welche die Anlage und Unterhaltung der "Rottstraßen" und deren Nutzungsgebühren betraf. Auch reichten die Straßen nicht mehr aus und es mußten neue Straßenverbindungen geschaffen werden.
Um bestimmte Güter auf kürzestem Wege nach München zu bringen, erbaute der Baiernherzog Albrecht 1492 auf Anraten des Münchner Bürgers Heinrich Barth die Kesselbergstraße, wodurch für Mittenwald und Werdenfels eine neue Verkehrsader geschaffen wurde. Entlang dieser Rottstraßen entstanden in den jeweiligen Orten zur Aufnahme der Waren und der vielen Fremden zahlreiche Gasthäuser mit Gütermagazinen, Hofräumen und Stallungen. Eigene Waren- und Ballenhäuser mit weiten Eingangstoren und Gewölben wurden gebaut. Im "Land'l" errichtete Mittenwald als erster Ort bereits 1470 ein eigenes Ballenhaus. Ebenso die erste Schule, da der Verkehr mit den Handelsleuten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen verlangte. Kostbar, zahlreich und mannigfaltig waren Kaufmannsgüter, welche in Waren- und Ballenhäuser gestapelt und weiter- verfrachtet wurden.
Es waren die Schätze des Orients und Italiens, nämlich erlesene Gewürze, Südfrüchte, Ballen mit Samt, Seide und Baumwolle aus Ägypten, Ölfässer und Fässer mit köstlichem Wein, welche zum Weitertransport nach dem Norden hier gelagert und dann weiter transportiert wurden. In umgekehrter Richtung kamen von den Reichsstädten Augsburg und Nürnberg wertvolle Tuchwaren der Fugger und Welser, sowie Goldschmiedearbeiten, Gebrauchsgegenstände und Waffen nach dem Süden und in die Lagunenstadt.
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eben dieser Straßenrott sei auch die sogenannte "Nasse Rott" erwähnt, welche bei uns auf der Isar und der Loisach in Richtung München erfolgte. Mittenwald besaß bereits seit 1450 einen Flußhafen, 50 Meter lang und 16 Meter breit. Am Ufer des Hafens stand der Ländstadel, in dem die Waren bis zur Weiterfahrt gestapelt wurden. Der Anfang der Floßfahrt liegt allerdings im dunkeln der Geschichte. Der Name CARINA für Krün, vom Einheimischen immer noch mit K(a)ri bezeichnet, deutet auf die Floßfahrt mit Floßhafen hin. Dieser römische Name läßt also darauf schließen, daß schon zur Zeit der Römer von hier aus Waren auf dem Wasserwege nach Passau (CASTRUM BATAVA) gebracht wurden. Später wurde durch die Gründung der Isarstädte München (1158) und Landshut (1181) der Floßverkehr wieder in's Leben gerufen und erreichte z.Zt. des Bozener Marktes den Höhepunkt. Geflößt wurde allerdings bis in das aufgehende 19. Jahrhundert, wo Werdenfelser Flöße bis Wien und Budapest fuhren.
Der Zeitpunkt, als das Land'l am "goldensten" war und den Namen "Goldenes Land'111 verdiente, war eindeutig die Zeit des "Bozener Marktes" mit seinen Märkten. Nach der Rückverlegung im Jahre 1679 gab es zwar immer noch die Rott, aber diese mußte mit Fleiß und schwerer Arbeit erkauft werden. Jene Taler und Gulden aus der Zeit dieser Märkte, welche damals in Mittenwald zurückblieben und im Land'l verteilt wurden, war vorbei. Den goldenen Zeiten folgten schlechte Zeiten. Kriege, wie etwa der "Spanische Erbfolgekrieg" (1703 - 1715), hinterließ im Land'l seine Spuren durch Einquartierungen, Plünderungen und Bränden. Es folgte der "Napoeonische Krieg" mit Plünderung und Brandschatzung durch die Tiroler und ab dem Jahre 1802 hörte das "Goldene Land' auf zu existieren.
Durch das Dekret vom 09.10.1802 wurde die einst reichsunmittelbare Grafschaft Wardenfels churblairisch. Ob dieses ehemals "Goldene Land' heute noch oder wieder "golden" ist, sei dahingestellt. Über 50 Jahre Frieden in Reichtum und Wohlstand, lassen zumindestden Eindruck entstehen, daß es wieder "golden" sei.

   

Willy Hochholdinger-Partenkirchen

   
     
     
     
     
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